
Reiner Michelfelders "ars dynografia" zeigt experimentelle Fotokunst
Neue Kunst gibt es ab Samstag, 25. Juli 2026, im Museum im Kleihues-Bau zu bestaunen. Mit "ars dynografia" zieht eine Ausstellung ein, die mit Reiner Michelfelder (1906–1985) einen in Vergessenheit geratenen, experimentell arbeitenden Fotokünstler zu dessen 120. Geburtstag würdigt.
Was kaum jemand weiß: Zwischen 1950 und 1953 arbeitete der 1906 in Villingen/Schwarzwald geborene Grafiker Michelfelder mit dem Fotografen Peter Keetman in dessen Münchener Agentur "werbeform" auf sich gegenseitig befruchtende Weise zusammen. Bereits 1948 hatte Peter Keetman seine ersten Pendelbilder entwickelt. Die durch leuchtende Pendel erzeugten Lichtschwingungen wurden zu einem Stück Fotografiegeschichte. Reiner Michelfelder integrierte diese dynamischen Liniendiagramme in seine künstlerischen Designprojekte. So fanden die Pendelbilder nicht nur in fotografischen Kreisen Beachtung, sie wurden auch als neuartige Werbeform anerkannt.
Lange bevor digitale Bildbearbeitung oder künstliche Intelligenz existierten, schuf Michelfelder Werke, die bis heute erstaunlich modern wirken. In seinem selbst entwickelten Atelier kombinierte er Spiegel, Prismen, Linsen, Lichtquellen und eigens entwickelte Apparaturen zu einer völlig neuen Bildsprache. In den fortschreitenden 1960er Jahren, mittlerweile fest in Kornwestheim etabliert und schaffend, emanzipierte sich Michelfelder zunehmend von den Zwängen der klassischen Gebrauchs- und Werbegrafik. In seinem dortigen Atelier begründete er eine völlig autarke, radikal innovative Kunstform, die er treffend als „ars dynografia“ – die Kunst der geschriebenen Dynamik – bezeichnete. Diese Technik basierte auf einem akribisch durchdachten, analogen Transformationsprozess, der präzise zeichnerische Handarbeit, komplexe optische Verzerrungen und die Unmittelbarkeit der fotochemischen Fixierung miteinander verschmolz.
Schaffensprozesse mit außergewöhnlicher Präzision
Jede Arbeit begann mit einer Vision aus Farben, Formen, Bewegungen und Lichtverläufen. Sein Schaffensprozess verlangte außergewöhnliche Präzision, gleichzeitig war die Arbeit äußerst experimentell und voll von Entdeckungen, die in vielen Phasen weiterentwickelt wurden. Aus der ursprünglich flachen Tintenzeichnung erwuchs so eine im Fotofilm eingefrorene, schwindelerregende Tiefe, welche die visuelle Ästhetik der späteren Op-Art, der kinetischen Kunst und sogar der frühen Computergrafik um Jahre antizipierte.
Michelfelder verstand sich zeit seines Lebens als forschender Materialästhet, dessen künstlerischer Drang sich niemals mit den Standardmaterialien des Fotolabors zufriedengab. Seine besondere Leidenschaft galt zwar dem damals revolutionären Farbfotomaterial Cibachrome, seine dynografischen Experimente übersetzte er aber auch in das Medium des Siebdrucks, wodurch er die Linienstrukturen sowohl in radikalem Schwarzweiß als auch in extrem kräftigen, kontrastierenden Farbkombinationen auf unterschiedliche Trägerstoffe übertragen konnte. Dabei zeigte er eine ausgeprägte Vorliebe für unkonventionelle Oberflächen. Er druckte seine Motive nicht nur auf schweres Papier, sondern auch auf gewachstes Leinen, flexible Textilien und harte Industriekeramik, wodurch die fließenden Muster je nach Untergrund eine völlig neue haptische und visuelle Qualität erhielten.
Die ars dynografia begeistert durch eine zeitlose Ästhetik, die gleichzeitig viel Freiraum für mögliche Deutungen lässt. Die bewusste Entscheidung zu seriellen Titeln eröffnet bis heute die Möglichkeit sich ohne Vorbehalte in die Bildinhalte hineinzuschauen und individuelle Deutungen herauszulesen.
Michelfelder erregt überregional Aufmerksamkeit
Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre erregten seine Arbeiten überregional Aufmerksamkeit. Seine Werke wurden in Balingen bei der Firma Bizerba zum ersten Mal ausgestellt und begeisterten dort 5.000 Besucherinnen und Besucher an nur einem Wochenende. Danach folgten Einzelausstellungen unter anderem im Carl-Zeiss-Saal Oberkochen, im Hindenburgbau Stuttgart, im Musée d’Art et d’Histoire Fribourg, in Bern, Bad Hersfeld, Ludwigsburg und Bad Mergentheim. Fachzeitschriften würdigten seine Arbeiten mit Titelgeschichten und umfangreichen Reportagen. Trotz dieser Erfolge blieb Reiner Michelfelder stets bescheiden. Die Vermarktung seiner Person interessierte ihn weit weniger als die Weiterentwicklung seiner Ideen. Heute verweisen die Werke auf einen Künstler, der mit handwerklicher Meisterschaft, wissenschaftlicher Neugier und grenzenloser Vorstellungskraft Bildwelten schuf, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.
Diese Ausstellung würdigt nicht nur das Werk eines außergewöhnlichen Fotografen und Gestalters. Sie erzählt die Geschichte eines kreativen Visionärs, der aus Licht, Technik und Fantasie eine eigene Kunstform erschuf – und dessen Werk auch fast fünf Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von seiner Aktualität und Strahlkraft verloren hat.