Ergebnis des wissenschaftlichen Gutachtens zu Dr. h.c. Ernst Sigle liegt vor

Das wissenschaftliche Gutachten zur Rolle des Kornwestheimer Ehrenbürgers Dr. Ernst Sigle in der Zeit des Nationalsozialismus liegt vor. Die Historikerin Dr. Anne Sudrow kommt zu dem Ergebnis, dass der ehemalige technische Oberleiter und spätere Aufsichtsratsvorsitzende Ernst Sigle in zentralen Punkten erheblich belastet und beteiligt an NS-Unrecht ist. Die Historikerin empfiehlt die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde und die Umbenennung des nach ihm benannten Gymnasiums.

Das Gutachten ist für die Stadt Kornwestheim von großer Bedeutung. Denn es schafft eine belastbare Grundlage für die weitere öffentliche, politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einer Person, die das Bild der Stadt über Jahrzehnte mitgeprägt hat und deren Name bis heute im öffentlichen Raum präsent ist. Die Stadt Kornwestheim hatte die Historikerin im September 2025 nach Hinweisen aus der Bürgerschaft sowie von Personen aus der Bundesrepublik mit der unabhängigen Untersuchung beauftragt. Im Mittelpunkt der Untersuchung von Dr. Anne Sudrow steht die historische Einordnung des Lebens und Wirkens von Ernst Sigle. Untersucht werden seine Leistungen für den wirtschaftlichen Aufstieg des Unternehmens Salamander und die Entwicklung der Stadt ebenso wie seine Rolle, seine Handlungsspielräume und seine persönliche Verantwortung während der Zeit des Nationalsozialismus.

Das Gutachten macht zunächst deutlich, dass Ernst Sigle zweifellos zu den prägenden Unternehmerpersönlichkeiten der Stadtgeschichte zählt. Seine Leistungen für den wirtschaftlichen Aufstieg des Unternehmens Salamander und damit auch für die Entwicklung Kornwestheims werden von der Historikerin ausdrücklich gewürdigt.

Zugleich zeigt die Untersuchung, dass diese Verdienste die historische Verantwortung und die Verstrickungen Ernst Sigles während der Zeit des Nationalsozialismus nicht ausgleichen können. Gerade diese Gleichzeitigkeit von wirtschaftlicher Bedeutung einerseits und moralisch-politischer Belastung andererseits ist ein zentrales Ergebnis der Studie.

Die Historikerin kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Unternehmensleitung der Salamander AG schon früh an das nationalsozialistische Regime angepasst hat. Das Unternehmen zog aus den politischen Veränderungen nach 1933 bereitwillig Vorteile. So wurden politische Gegner des Regimes aus dem Betrieb gedrängt, Mitbestimmungsstrukturen der Beschäftigten beseitigt und das Vermögen der zerschlagenen Gewerkschaft dem Einflussbereich des Unternehmens zugeführt.

Ein weiterer zentraler Befund betrifft die sogenannte "Entjudung" des Unternehmens. Das Gutachten beschreibt, wie jüdische Personen aus der Firmenleitung und aus dem Unternehmen verdrängt wurden und dass die Nachfahren der Mitgründerfamilien Levi und Rothschild ihre Anteile unter den Bedingungen nationalsozialistischer Verfolgung zu für sie nachteiligen Konditionen veräußern mussten. Die Untersuchung macht deutlich, dass Ernst Sigle von diesen Vorgängen profitierte.

Von besonderem Gewicht ist die Einschätzung der Historikerin zur Rolle Ernst Sigles innerhalb des Unternehmens. Dr. Anne Sudrow beschreibt ihn nicht als Randfigur oder rein repräsentativen Senior, sondern als einen wichtigen Entscheidungsträger der Salamander AG. Als Aufsichtsratsvorsitzender und technischer Oberleiter ohne erkennbare Distanz zur NS-Ideologie war er eng in organisatorische, wirtschaftliche und technische Abläufe eingebunden.

Führende Rolle bei Menschenversuchen

Schwer wiegt im Gutachten der Befund zur Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern durch die Salamander AG. Die Untersuchung zeigt, dass das Unternehmen in erheblichem Umfang von Zwangsarbeit profitierte und dass die Unternehmensleitung bestehende Möglichkeiten, die Lebensbedingungen der Betroffenen zu verbessern, nicht ausgeschöpft hat.

Erheblich belastend ist nach den Feststellungen der Historikerin die Rolle der Salamander AG im Zusammenhang mit der Schuhprüfstrecke im Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort wurden KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen gezwungen, neue Materialien und Schuhmodelle zu testen. Dr. Anne Sudrow beschreibt die Salamander AG als ein Unternehmen, das bei Gründung, Nutzung und Verwertung der dortigen Menschenversuche eine führende Rolle spielte. Die Historikerin geht davon aus, dass Ernst Sigle über diese Vorgänge informiert und in die Planung und Nutzung dieser Versuche eingebunden war.

Ebenso stellt das Gutachten fest, dass das Bild Ernst Sigles nach 1945 über Jahrzehnte hinweg von Auslassungen, Verharmlosungen und Beschönigungen geprägt war. In der Nachkriegszeit habe sich ein positives, teils heroisierendes Bild seiner Person verfestigt.

Belastungen sind gravierend

Die Historikerin empfiehlt in ihrer Handlungsempfehlung ausdrücklich die Umbenennung des Ernst-Sigle-Gymnasiums. Sie begründet dies damit, dass die Benennung des Gymnasiums auf einem stark beschönigten Bild Ernst Sigles beruhte und dass die heute vorliegenden Erkenntnisse dieses Bild grundlegend korrigieren. Nach ihrer Einschätzung sind die Belastungen so gravierend, dass Ernst Sigle nicht länger als angemessener Namensgeber und damit auch nicht als Leitbild für eine Schule gelten kann.

Die Frage der Aberkennung der Ehrenbürgerwürde stellt sich aus Sicht der Historikerin vielschichtiger dar. Dr. Anne Sudrow empfiehlt die Aberkennung aus ethischen Gründen:  Es ist ethisch in einer demokratischen Gesellschaft nicht zu vertreten, eine Person in dieser besonderen Art zu ehren, die in so eklatanter Weise und in großem Umfang die Menschenwürde anderer Personen missachtet hat. Sie formuliert in der Folge aber, dass im politischen Gremium abgewogen werden sollte, ob die frühen Verdienste Ernst Sigles vor 1933 so groß sind, dass sie die späteren Verfehlungen ab 1933 in den Schatten stellen. Falls dies der Fall ist, sollte die Ehrenbürgerwürde nicht aberkannt werden.

Informationsveranstaltung am 18. Mai 2026

Die Stadt Kornwestheim lädt die Bürgerschaft zu einer Informationsveranstaltung ein. Diese findet am Montag, 18. Mai 2026, um 18:00 Uhr im Festsaal des Kultur- und Kongresszentrums Das K statt. Dr. Anne Sudrow wird dort das Gutachten vorstellen und Fragen beantworten. Einen Monat später, am 18. Juni 2026, wird sich dann der Gemeinderat mit dem Gutachten und möglichen Konsequenzen beschäftigen.