Zum Abschied von Dr. Irmgard Sedler

Zeitenwende im Museum im Kleihues-Bau und in der Kornwestheimer Kulturlandschaft: Am vergangenen Wochenende wurden im Museum im Kleihues-Bau zwei Ausstellungen eröffnet und parallel hat Oberbürgermeisterin Ursula Keck die langjährige Leiterin der Kornwestheimer Museen, Dr. Irmgard Sedler, in den Ruhestand verabschiedet.

Zum Nachlesen haben wir für Sie zum Abschied eine Laudatio für Dr. Irmgard Sedler, die die wichtigsten Stationen ihrer Zeit bei der Stadt Kornwestheim zusammengefasst und in der sich Oberbürgermeisterin Ursula Keck persönlich an Frau Dr. Sedler wendet:

Liebe Frau Dr. Sedler,

heute ist Ihr letzter Arbeitstag und mir bleibt nur, danke zu sagen. Danke für Ihre hervorragende Arbeit, die Sie in den letzten, fast 26 Jahren für die Stadt Kornwestheim und unsere Museen geleistet haben. Danke für die beiden gelungenen Ausstellungen, die wir am 2. März 2018 eröffnet haben; die Ausstellung zum Nationalsozialismus war wirklich eine herausfordernde Mammutaufgabe.

Danke für Ihren unermüdlichen, weit über das übliche Maß hinausgehenden Einsatz für unsere Museen, danke für die bleibenden Werte, die Sie geschaffen haben, danke für das Renommee, das Sie unserem Museum im Kleihues-Bau verschafft haben.

Die Stadt Kornwestheim kann sich glücklich schätzen, dass das Schicksal Sie als international gefragte Expertin auf Umwegen zu uns geführt hat. Das war ja zunächst nicht absehbar. Begonnen haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in Siebenbürgen, wo Sie zunächst Germanistik und Romanistik studiert und einige Jahre als Lehrerin gearbeitet haben. Doch schon bald entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für das Museale. Sie absolvierten erfolgreich ein mehrjähriges Aufbaustudium der Museologie und Ethnologie und wurden aufgrund Ihrer sehr guten Leistungen schon bald Kustos der siebenbürgisch-sächsischen Volkssammlungen im Brukenthalmuseum in Hermannstadt. Daneben engagierten Sie sich von Anfang an in überdurchschnittlichen Maße. So wurden Sie schon bald Leiterin der Kommission für die Restaurierung von Holzgegenständen.

Nachdem Sie 1990 die Leitung der Abteilung Europäische Volkskunde im Museum der Bäuerlichen Zivilisation in Rumänien übernommen hatten, zwangen Sie die für die deutschstämmige Bevölkerung unerträglichen politischen Zustände im Land schließlich im Sommer 1991 zur Aussiedlung und es verschlug Sie aufgrund familiärer Bindungen nach Ludwigsburg.

1992 begannen Sie dann in unserem Schulmuseum Nordwürttemberg, dessen Leitung Sie im Jahr 2000 übernahmen und das Sie auf eine professionelle Basis stellten.

Dazu war Ihnen als ausgebildeter Lehrerin immer, gerade im Schulmuseum Nordwürttemberg, die Museumspädagogik ein besonderes Anliegen, so erleben nicht nur unzählige Schulklassen aus dem weiten Umkreis kindgerechte Führungen, sondern auch andere Besuchergruppen kommen auf ihre Kosten, zum Beispiel veranstalteten Sie bereits Führungen für blinde oder dementiell beeinträchtigte Menschen. Daneben ist das Museum auch für ein pädagogisches und wissenschaftliches Fachpublikum aufgrund Ihrer fundierten Aufarbeitung der Themen ein Gewinn.

Neben dem gezielten Sammlungsaufbau vor dem Hintergrund der drei Kategorien Region, Kulturgeschichte und Kindheit haben Sie auch Teile der Dauerausstellung neu und modern gestaltet und vor allem im Laufe der Jahre etliche Sonderausstellungen erarbeitet, z. B. 1994 „Ueber die goldene Brücke. Die Welt des Kindes im Spiegel der Schulfibel“, 1997 „Wer den Pfennig nicht ehrt“ mit Spardosen zum Schulsparen oder 2002 „Im Geiste höchsten Strebens - Literaten in Weißenfels“ in Zusammenarbeit mit unserer Partnerstadt in Sachsen-Anhalt.

Überhaupt war Ihnen der gelebte Austausch mit unseren Partnerstädten immer eine Herzensangelegenheit. So verdanken wir Ihnen weitere Highlights in der Zusammenarbeit, zum Beispiel die Ausstellung „Auf Schritt und Tritt … Schuhe“, die neben Weißenfels und Kimry sogar in der slowakischen Weißenfelser Partnerstadt Komárno zu sehen war.

Denn es blieb nicht nur beim Schulmuseum. Nachdem Sie 2003 zusätzlich die zu dem Zeitpunkt nach drei Jahren Leerstand am Boden liegende Städtische Galerie übernommen hatten, bauten Sie diese mit einer ungeheuren Kraftanstrengung wieder auf. Sie machten die Galerie durch unermüdlichen Sammlungsaufbau und Ihre wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Bestand von einer reinen Ausstellungshalle zu einem Museum mit einem inzwischen rund 3.000 Kunstwerke umfassenden Sammlungsbestand. Ihnen ist es zu verdanken, dass so viele Künstlerinnen und Künstlern vom Niveau des Hauses mit der hier geleisteten Arbeit begeistert waren und ihre wertvollen Werke im Vertrauen auf den verantwortungsvollen Umgang damit dem Museum und damit der Stadt geschenkt haben.

In den letzten Jahren konnten Sie diesen Sammlungsbestand sukzessive aufarbeiten, immer wieder aus neuen Blickwinkeln in sinnstiftenden Präsentationen der Öffentlichkeit zugänglich machen und vermitteln. Sie haben mit einer beeindruckenden ungeheuren Produktivität und Schaffenskraft in den letzten 15 Jahren über 50 vielbeachtete Kunstausstellungen meisterhaft kuratiert und rund 40 erfolgreiche Ausstellungskataloge herausgegeben, die der Fachwelt schon längst als Referenz dienen. Und die begehrten, wunderschönen Ausstellungsplakate zieren mit Sicherheit unzählige Wohnungen und Büros.

In der Laudatio zu Ihrer mit „summa cum laude“ bewerteten Doktorarbeit zur Kleidung der Landler in Siebenbürgen wurde damals Ihre „mutige und originelle wie erstmalige Betrachtung“ gelobt – diese Herangehensweise zeigten Sie auch bei den Ausstellungen in Kornwestheim.

Mit großem Weitblick verfolgten Sie die Kunstszene und wählten im Hinblick auf das Niveau und die Konzeption des Hauses mit Bedacht die Künstler aus.

Man kann getrost sagen, Sie konnten sich stets vor Anfragen von Künstlern kaum retten, die von Ihnen eine Ausstellung im Kleihues-Bau gemacht haben wollten. Dabei ist es Ihnen, Frau Dr. Sedler, gelungen, mit einem immensen Gespür für Qualität und den Kunstmarkt, gerade auch jungen Künstlern mit Potential ein Forum zu bieten, wobei deren Karriere dann nicht selten, mit dem Qualitätssiegel Museum im Kleihues-Bau im Rücken, anschließend durchstartete. Auch renommierte Künstler fragten an oder sagten nicht Nein, wenn Sie Ihrerseits anfragten, so wünschte sich sogar ein Markus Lüpertz explizit Ihre Expertise. Gerne stellten Sie sich auch diesen Herausforderungen mit großen Feingefühl und Können und brachten mit Beharrlichkeit und Kennerschaft das Museum im Kleihues-Bau zum Strahlen – wir sind übrigens Geheimtipp im Marco Polo Stuttgart. Sie machten das Museum bundesweit zu einem bekannten Namen, nicht zuletzt durch die unverwechselbare Corporate Identity mit dem signifikanten Logo.

Ihrem interdisziplinären, kulturwissenschaftlichen Blick haben wir darüber hinaus die schönen literarisch-kulinarischen Nachmittage, bei denen Sie gute Literatur und bildende Kunst ins Museum holten, oder die vielen literarisch-künstlerisch-musikalischen Veranstaltungen zu verdanken, an die sich die Besucher gerne erinnern.

Neben all diesen Aufgaben haben Sie sich außerdem der Erforschung der Stadtgeschichte gewidmet. Der heutigen Präsentation gehen Ausstellungen zur Eisenbahn, zum gesellschaftlichen Wandel am Beispiel der Bahnhofstraße, zur Kindheit, zur Migration oder zu Jakob Sigle und Salamander voraus.

Und Sie leisten auch außerhalb Kornwestheims Bedeutendes.

So gewannen Sie mehrere Preise, zum Beispiel 1995 den Österreichischen Museumspreis für die Konzeption und den Aufbau des Landlermuseums in Bad Goisern sowie 2004 gemeinsam mit Ihrem Mann den Landespreis für Heimatforschung Baden-Württemberg für Ihr Buch über das Dorf Zied.

Seit 1999 sind Sie Vorsitzende des Trägervereins des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim. Als Expertin und Referentin sind Sie in internationalen Gremien und auf wissenschaftlichen Tagungen stark gefragt, zum Beispiel sind Sie Mitglied der Kommission für Geschichte und Kultur der Deutschen in Südosteuropa. Daneben geben Sie Ihr fundiertes umfangreiches Wissen schon seit Langem als Hochschuldozentin weiter, sind Betreuerin zahlreicher Doktor- und Abschlussarbeiten und bereits seit einigen Jahren Honorarprofessorin.

Liebe Frau Prof. Dr. Sedler, auch ganz persönlich möchte ich mich herzlich bei Ihnen bedanken für Ihren unermüdlichem Einsatz, mit dem Sie sich all die Jahre intellektuell und physisch um unsere Museen gekümmert haben, und zwar Tag und Nacht, wenn beispielsweise mal wieder ein Fehlalarm losging.

Vielen Dank für die schöne Zusammenarbeit mit Ihnen, das Wissen, das Sie uns über die Jahre vermittelt haben und vor allem die vielen bereichernden Erfahrungen, die wir Ihnen zu verdanken haben. Gerne erinnere ich mich zum Beispiel an Sebastian Krüger, der Wolfgang Niedecken zur Vernissage mitbrachte.

Ich wünsche Ihnen für Ihre nächsten Jahre vor allem, dass Sie gesund bleiben, damit Sie weiterhin so aktiv sein, Ihre Forschungen weiter betreiben, sich auch mit Freude um Ihren großen Gemüsegarten kümmern und nicht zuletzt auch die Zeit mit Ihrer Familie und Ihrem Enkelkind genießen können. Liebe Frau Sedler, alles Gute!

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